Mathematik gegen Mündigkeit…

Mathematik gegen Mündigkeit…

…– was die Wahlrechtsreform in Hessen wirklich bedeutet

Hessen ändert zur nächsten Kommunalwahl das Auszählverfahren.
Was trocken nach Verwaltungsroutine klingt, ist in Wahrheit eine politisch folgenreiche Entscheidung:
An die Stelle des bisherigen Hare/Niemeyer-Verfahrens tritt das d’Hondt-Verfahren – und damit eine Rückkehr in eine Zeit, in der die Stimme des Einzelnen weniger zählt als die schiere Größe der Liste.

Die FDP Hessen hat gegen diese Änderung Verfassungsbeschwerde eingelegt.
Nicht, weil sie sich rechnerisch benachteiligt fühlt, sondern weil sie darin einen grundsätzlichen Angriff auf die Gleichwertigkeit jeder Stimme sieht.
Das neue Verfahren schwächt das Prinzip der demokratischen Vielfalt – und das ist kein Randthema, sondern eine Frage politischer Kultur.

Von der Quote zur Höchstzahl – was sich wirklich ändert

Das bisherige Verfahren (Hare/Niemeyer) verteilt Sitze proportional nach Stimmenanteil.
Jede Stimme zählt gleich viel – und wer viele, aber nicht die meisten hat, bekommt immerhin faire Chancen durch die Resteverteilung.

Das neue Verfahren (d’Hondt) funktioniert anders:
Die Stimmen jeder Liste werden durch 1, 2, 3, … geteilt, und die höchsten Quotienten erhalten die Mandate.
Mathematisch elegant – politisch problematisch.
Denn große Listen bekommen häufiger hohe Teilwerte und sichern sich dadurch überproportional viele Sitze.

Ein Beispiel aus der Praxis

Nehmen wir eine fiktive Stadtverordnetenversammlung mit 31 Sitzen und 5 850 abgegebenen und gültigen Stimmen:

ListeStimmen
CDU2 800
SPD1 500
Grüne950
FDP400
Linke200
Hare/Niemeyer – Quote und Resteverteilung

Quote: 5 850 ÷ 31 = 188,71

ListeStimmenStimmen ÷ QuoteGanze SitzeRestZusatzsitzeEndgültig
CDU2 80014,84140,8415
SPD1 5007,9570,958
Grüne9505,0350,035
FDP4002,1220,122
Linke2001,0610,061
Summe29+2 Restmandate (SPD + CDU)31

Ergebnis Hare/Niemeyer:
→ CDU 15 | SPD 8 | Grüne 5 | FDP 2 | Linke 1

Ergebnis nach d’Hondt:

Jede Stimmenzahl wird durch 1, 2, 3 … geteilt; die 31 höchsten Quotienten erhalten je einen Sitz.

RangListeTeilerQuotientSitz geht an…
1CDU12 800CDU 1
2SPD11 500SPD 1
3CDU21 400CDU 2
4Grüne1950Grüne 1
5CDU3933CDU 3
6SPD2750SPD 2
7CDU4700CDU 4
8FDP1400FDP 1
9CDU5560CDU 5
10SPD3500SPD 3
11CDU6467CDU 6
12Grüne2475Grüne 2
13CDU7400CDU 7
14SPD4375SPD 4
15CDU8350CDU 8
16Grüne3317Grüne 3
17CDU9311CDU 9
18SPD5300SPD 5
19CDU10280CDU 10
20FDP2200FDP 2
21CDU11255CDU 11
22SPD6250SPD 6
23Grüne4238Grüne 4
24CDU12233CDU 12
25CDU13215CDU 13
26SPD7214SPD 7
27Grüne5190Grüne 5
28CDU14200CDU 14
29FDP3133FDP 3
30SPD8188SPD 8
31CDU15187CDU 15

Ergebnis d’Hondt:
→ CDU 15 | SPD 8 | Grüne 5 | FDP 3 | Linke 0

Gleiche Stimmen – anderes Ergebnis.
Die FDP gewinnt ein Mandat hinzu, die Linke verliert ihren einzigen Sitz.
Das klingt nach wenig, ist aber entscheidend: Der Wählerwille verändert sich nicht, die Machtverhältnisse im Parlament aber doch.

Freiheit auf dem Stimmzettel – und Unfreiheit beim Zählen

Besonders widersprüchlich wird die Reform dadurch, dass Hessen das Kumulieren und Panaschieren beibehält.
Der Bürger darf also weiterhin seine Stimmen verteilen und gewichten, Kandidaten über Parteigrenzen hinweg unterstützen und so ein ausgesprochen mündiges Wahlverhalten zeigen.

Aber, am Ende wird genau dieses differenzierte Votum in einem Verfahren zusammengefasst, das größere Listen automatisch bevorteilt.
Die Feinheit der Entscheidung verschwindet in der Grobheit der Mathematik.

Man erlaubt dem Wähler, fein zu differenzieren, und rechnet anschließend grob darüber hinweg.

Ein ordoliberaler Blick

Aus liberaler Sicht ist das mehr als nur ein technisches Detail. Es ist ein Rückschritt. Denn das Prinzip der Verantwortung des Einzelnen wird geschwächt, zugunsten einer rechnerischen Logik, die vermeintlich Stabilität schafft – tatsächlich aber die politische Vielfalt mindert.

Die Klage der FDP ist deshalb kein Selbstzweck, sondern Ausdruck eines ordnungspolitischen Grundverständnisses:
Demokratie lebt nicht von Rechenverfahren, sondern von der Überzeugung, dass jede Stimme zählt – und zwar gleich viel.


Fazit

Diese Wahlrechtsänderung ist kein Beitrag zur Demokratie, sondern eine Rechenoperation gegen die Mündigkeit.
Sie bevorzugt die Großen, entwertet den Einzelnen und steht quer zu dem, was kommunale Selbstverwaltung eigentlich sein soll:
Ein Ort, an dem Bürger über Bürger entscheiden –
und nicht über Divisoren.